Spawn Jubiläums Special

Interview mit Todd McFarlane
Dieses Interview erschien erstmals in dem Süddeutsche Zeitung Magazin No.7 vom 18.2.2000. Das SZ Magazin liegt immer Freitags der Süddeutschen bei. Vielen Dank für die Genehmigung das Interview zu verwenden.

SZ-Magazin: Mr. McFarlane, warum sind ihre Spielzeugpuppen so irrwitzig erfolgreich?
Todd McFarlane: Entschuldigung, aber das ist eine dumme Frage. Mein Mitarbeiter und ich, wir haben einfach die besseren Ideen.
SZ: Schön.
Todd McFarlane: Schauen sie sich unsere Figuren doch mal genau an! Unsere Überlegenheit liegt im Detail. Jede Monsterklaue, Hörner, Zähne, Adern, Blutspritzer-alles perfekt. Du kannst ein Produkt nur erfolgreich verkaufen, wenn du verstehst, warum es gekauft wird.
SZ:Und? Was haben sie verstanden?
McF:Dass unsere Käufer Fanatiker sind. Genauer: Detailfanatiker
SZ:Und die Konkurrenz schlampt?
McF:Da sitzen Managertypen, die sich nur um Bilanzen kümmern. Das war 1980 vielleicht toll, 2000 ist echte Leidenschaft gefragt, Fantasie, kreativer Irrsinn. Egal wie erfolgreich wir sind: Ich bleibe in erster Linie Künstler.
SZ:Sie gelten als Punk der amerikanischen Unterhaltungsindustrie.
McF:Weil ich T-Shirt und Baseball-Kappe bei der Arbeit trage? Das ist doch lächerlich.
SZ:Sie sind in ein paar Jahren vom Comic-Zeichner zum milliarden-schweren Trash-Mogul aufgestiegen. Sie fabrizieren Comics, Spielzeug, jeden erdenklichen Klimbim. Wie geht sowas?
McF:Wie in allen guten amerikanischen Erfolgsstorys geht es erstmal um Träume. Meiner fing vielleicht mit Marvel an, dem größten amerikanischen Comic-Verlag. Da war ich der Superstar, weil ich den antiken Superhelden Hulk und Spider-Man mit meinem frischen Zeichenstil zu neuen Millionenauflagen verhalf. Das war cool, verstehen sie? Man muss kein Genie sein um einem Klassiker neues Leben einzuhauchen. Man muss es nur tun.
SZ:Reich hätten sie auch bei Marvel werden könne.
McF:Natürlich! Ich bin gut! Ich bin super! Todd McFarlane ist ein Idol!
SZ:Sie reißen ganz schön das Maul auf und können es sich wohl leisten. In Amerika, hört man, sie sind ungefähr so berühmt wie Michael Jackson.
McF:Michael wer?
SZ:Sie sollen sogar für Autogrammstunden Eintritt verlangen.
McF:Comics sind wie Baseball. Du bist entweder eine Niete oder reich. Und ich mag nicht, wenn andere mit meinen Ideen mehr Geld verdienen als ich. Das ist uncool. Geld verlieren ist uncool. Als ich vor ein paar Jahren meine eigene Comic-Serie erfand, hatte ich nicht vor, meinen Superhelden Spawn einem Konzern zu schenken. Es war meine Idee. Spawn, da war ich mir ganz sicher, würde todsicher ein Hit werden.
SZ:Wer ist dieser Spawn eigentlich?
McF:Den kennen sie nicht? Kein Witz? Das muss ich meinen Jungs erzählen-da kommt in Europa ja noch ganz schön was an PR-Arbeit auf uns zu. Im Schnelldurchlauf: Spawn ist ein böser Held, ein wirklich schlimmer Kerl. Er wurde ermordet, aber in der Hölle schloß er einen Pakt mit dem Teufel, worauf er zurückkehrte auf die Erde, um sich an seinen Feinden zu rächen. Er ist so wie ich mir als Kind immer Batman gewünscht habe: düster, wütend, verzweifelt, definitiv unheimlich.
SZ:In wie vielen Ausführungen gibt es diesen Spawn heute?
McF:In Comics ist Spawn immer derselbe. Die Puppe Spawn aber erscheint so oft wie wir Lust haben, ein paar Hunterttausend Stück abzusetzen, mindestens aber dreimal im Jahr mit einer neuen Kollektion. Alte Modelle werden gestoppt, Restmodelle eingestampft.
SZ:Um die Sammler zu quälen?
McF:Nicht doch! Es fällt mir nicht ein, schlecht über meine Fans zu reden. Das sind herrliche Verrückte.
SZ:Ein paar einfache Fragen, Mr McFarlane. Waren sie im Krieg?
McF:Was soll der Quatsch? Natürlich nie.
SZ:Träumen sie schlimme Dinge?
McF:Sie spielen auf das drastische Äußere meines Superhelden an-anders kann ich sie jetzt nicht verstehen. Ganz einfach: Was die einen erschreckt finden die anderen einfach schön.
SZ:Wenn man ihre Monsterpuppen so betrachtet, glaubt man, dass ihnen ständig fürchterliche Dinge durch den Kopf spuken. Muss man Angst vor ihnen haben?
McF:Fände ich komisch. Ich bin doch kein Psychopath. Ich habe nur eine lebhafte Fantasie.
SZ:Wie kamen sie auf Monster?
McF:Es leben Figuren in meinem Kopf, solange ich mich erinnern kann. Mein Lieblingskinderbuch war "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak. Ein Klassiker. Ein Junge träumt davon, mit den wilden Kerlen, also den Monstern, loszuziehen. Ich war so um die sechs, als ich das Buch zum erstenmal in die Hände bekam, habe ich mich fürchterlich gegruselt und es wie wahnsinnig geliebt. Diese riesigen, haarigen Viecher mit den Kulleraugen, spitzen Zähnen und massiven Klauen! Jede Nacht habe ich darauf gewartet, dass sie mich abholen.
SZ:Viel ferngesehen als Kind?
McF:Im Gegenteil! Alles war verboten. Fernsehen, Comics, die falschen Kinofilme. Umso mehr liebte ich Frankenstein, King Kong, Dracula, Godzilla und Batman.
SZ:Blutige Klauen, dreiköpfige Höllenhunde, verkrüppelte Gestalten-sind das Kinderträume?
McF:Das ist mein Geschmack. Und ich bin damit ja nicht allein. Ich mag Monster so wie andere Menschen Gartenzwerge oder Barbies. Aber deshalb bin ich noch lange nicht so ein durchgeknallter Gruselfreak. Der Hollywood-Regisseur Tim Burton gilt ebenfalls als Horrorprofi, aber alles was er gedreht hat, von Batman bis Sleepy Hollow, finde ich todlangweilig. Warum? Weil es wirkt wie eine beschissene Jeff-Koons-Installation. Zu künstlich. Viel zu intellektuel.
SZ:Sie finden Monster einfach süß?
McF:Natürlich! Diese hässlichen Freaks sind meine Kinder, Ausgeburten meiner Fantasie. Es gibt keine Vorbilder, niemand kann mir sagen, dass ihre Klauen zu lang oder zu kurz sind. Das sind Großartige Monster.
SZ:Ihre siebenjährige Tochter, akzeptiert sie Spawn als ihren Spielkameraden?
McF:Noch ist sie zu klein. Sie geht in die Vorschule, hat einen Kasten voller Barbiepuppen mit rosa Spangen im blonden Lockenhaar. Irgendwann einmal, wenn sie reif dafür ist, werde ich ihr erklären, womit Daddy sein Geld verdient.
SZ:Wie wurde Spawn zum Bestseller?
McF:Ganz viele Menschen haben die Schnauze voll von den todlangweiligen, den politisch korrekten Langweilhelden. Batman hat doch die Aura eines kläffenden Pudels mit rosa Halsband. Wann hat Batman schonmal richtig angegriffen? Ein Comic-Held muss anschlagen wie ein rasender Kampfhund. Diese Disney-Niedlichkeit ist das Verlogenste, was ich mir vorstellen kann, und ein paar anderen geht es wohl genauso. Da draußen wird gekämpft, gelogen, betrogen, alle tricksen sich gegenseitig aus. Sie verstehen? Die Welt ist nicht niedlich.
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